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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima (p. 75 Giele = p. 242f. Perkams).

Original:

Ein anonymer Averroist zu Thomas von Aquins Behauptung, jeder einzelne Mensch denke
aliquo inconvenienti dato, et illo non probato ibi, alibi supposito, confesso et concesso, multa inconvenientia facile est concludere. Isti autem accipiunt quod homo proprie intelligit, nec hoc probant. Ex hoc supposito arguunt. Quodsi istud suppositum non est verum, non arguunt. Unde, quod homo proprio sermone intelligit, non concedo; illo tamen concesso, nescio respondere; sed istud nego et merito; ideo faciliter respondebo.

Quelle: Siger von Brabant: Fragen zum dritten Buch von Aristoteles’ De anima /Quaestiones in tertium De anima (p. 75 Giele = p. 242f. Perkams)..
Edition: M. Giele, Un commentaire averroïste sur les livres I et II du Traité de l’ame, in: M. Giele et al. (ed.), Trois commentaires anonymes sur le Traité de l’ame d’Aristote, Louvain/Paris 1971, p. 13-120 (vgl. Siger von Brabant, Fragen zum dritten Buch von De anima, ed. M. Perkams, Freiburg et al. 2008, p. 236-247).

Auslegung:

Dieser Text ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die Hartnäckigkeit, mit der einige Vertreter der These, alle Menschen hätten nur einen Intellekt, trotz der Kritik des Thomas von Aquin und anderer an ihrer Position festhielten. Unser Autor setzt voraus, dass Siger von Brabant diese These des Averroes übernommen (Zitat Nummer 117) und Thomas von Aquin versucht hatte, diese These mit philosophischen Argumenten zu widerlegen (Zitat Nummer 118). Mit „diese“ wird in diesem Text, nach mittelalterlicher Tradition ohne direkte Namensnennung, Thomas von Aquin bezeichnet. Der Autor zieht dessen Kernthese, dass jeder einzelne Mensch denke, in Zweifel und behauptet, dass Thomas diese These eher voraussetzt als gegen die Position der Einheit des Intellekts begründet. Diese Behauptung beruht darauf, dass Thomas diese Position für selbstevident hält und sie u. a. mit der Möglichkeit jedes Menschen zu freiem Handeln begründet, also nicht direkt aus einer Theorie universalen Denkens heraus. Unabhängig von der Frage, ob die Kritik unseres Autors Thomas’ Standpunkt hinreichend ernstnimmt, ist doch bemerkenswert, wie er die vermeintliche Selbstevidenz als einen Schwachpunkt der Position seines Gegners ausmacht, für den dieser erst eine Begründung liefern müsse. Insofern zeigt unser Text das hohe und an der Sache orientierte Argumentationsniveau an den mittelalterlichen Universitäten, das – gut philosophisch – dazu führt, dass auch scheinbar kontraintuitive Positionen verteidigt werden, wenn dies argumentativ kohärent ist.

Themen:

  • Denken
  • Judentum und Islam
  • Averroes/Averroismus
  • Thomas von Aquin
  • Mensch und Seele
  • Geist/Intellekt/Denkseele
  • Intellekt (Einheit des)
  • Körper und Seele
  • Mensch
  • Mittelalterliche Philosophie

Indem etwas Unakzeptables benannt und dieses dort nicht bewiesen wird, indem es anderswo vorausgesetzt, bekannt und zugestanden wird, ist es leicht, viel Unakzeptables zu folgern. Diese aber nehmen an, dass der Mensch eigentümlich denkt, beweisen dies aber nicht. Von dieser Voraussetzung her argumentieren sie. Aber wenn dieses Vorausgesetzte nicht wahr ist, argumentieren sie nicht. Dass der Mensch daher in eigentümlicher Rede denkt, gestehe ich nicht zu. Wenn dies jedoch zugestanden ist, dann weiß ich nicht zu antworten. Aber dies bestreite ich, und zu Recht, daher werde ich leicht antworten.


Übersetzer: Matthias Perkams