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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen Anfang

Original:

Petrus Abaelardus (ca. 1079-1142) sieht die Idee Gottes als Grundlage rationaler Auseinandersetzung an
Aspiciebam in visu noctis – et ecce viri tres diverso tramite venientes coram me astiterunt quos ego statim iuxta visionis modum, cuius sint professionis vel cur ad me venerint, interrogo. ,Homines‘, inquiunt, ,sumus diversis fidei sectis innitentes. Unius quippe dei cultores nos omnes esse pariter profitemur, diversa tamen fide et vita ipsi famulantes. Unus quippe nostrum gentilis ex his quos philosophos appellant, naturali lege contentus est. Alii vero duo scripturas habent quorum alter iudaeus, alter dicitur christianus.

Quelle: Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen /Collationes Anfang.
Edition: Abelard’s Collationes. Edited and Translated by John Marenbon and Giovanni Orlandi, Oxford 2002.

Auslegung:

Dies ist die Eröffnungsszene eines der großen philosophischen Dialoge des Mittelalters, nämlich Peter Abaelards Dialog eines Philosophen, eines Juden und eines Heiden, der in den Handschriften den Titel Vergleiche (Collationes) trägt. Der Dialog beginnt mit einer Traumvision, in der Abaelard drei Männer auf sich zukommen sieht, die ihn schließlich bitten, Schiedsrichter in ihrem Gespräch zu sein. Die drei sind ein Philosoph, ein Christ und ein Jude. Alle drei sind der gemeinsamen Überzeugung, dass es nur einen Gott gibt: Ebenso wie zeitweise in der Antike (vgl. schon Zitat Nummer #) gilt auch hier die Annahme, es gebe genau einen Gott, als ein Rationalitätskriterium. Der Unterschied der drei besteht darin, dass sie sich als einen Christen, einen Juden und einen Philosophen vorstellen. Den Unterschied beschreibt Abaelard so, dass der Philosoph „nur mit dem natürlichen Gesetz zufrieden“ sei, während die anderen auch Schriften hatten. Damit entfaltet Abaelard einen Unterschied von Philosophie und monotheistischen Religionen, der bis heute prägend wird: Die monotheistischen Religionen sind Buchreligionen und kennen, neben der Vernunft, noch eine Offenbarungsschrift als Wahrheitskriterium. Demgegenüber zeichnet sich die Philosophie dadurch aus, überhaupt nur die Vernunft als Wahrheitskriterium anzuerkennen, die mit dem traditionellen Begriff „natürliches Gesetz“ gemeint ist (vgl. Zitat Nummer 353 und 1022).
Diese Beschreibung ist in mehrfacher Hinsicht nicht trivial: Erstens beschreibt sie die Philosophie in einer neuen Weise, insofern sie diese ausschließlich an die Vernunft bindet; andere Aspekte, die in der Antike wichtig waren, z.B. Mythen, werden so hintangestellt. Zweitens trifft Abaelard eine trennscharfe Unterscheidung von der Religion, da diese mit nicht rationalen Autoritäten, hier mit Büchern, in Verbindung gebracht wird; auch diese klare Unterscheidung ist neu und wirkt bis heute nach. Bemerkenswert ist drittens, dass Abaelard diese Unterscheidung trifft, ohne jemals persönlich einem Philosophen begegnet zu sein – tatsächlich kennt er Philosophen nur aus antiken Texten und entwirft in sich eine Idee, wie ein solcher Philosoph wohl wäre. Damit greift er eine Debatte seiner Zeit auf, führt sie aber zu einem klaren Ergebnis, das einen Philosophen charakterisiert, indem es dessen Unterschiedenheit von religiösen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Diese Herausarbeitung eines Profils der Philosophie weist interessante Berührungspunkte mit dem arabischen Denken auf, wo al-Fārābī, im Detail ganz anders, die Philosophie ebenfalls in Abgrenzung zur Religion definiert hatte (Zitat Nummer 401).

Themen:

  • Erkenntnis
  • Gott
  • Dialog (philosophischer)
  • Philosophen
  • Philosophie
  • Philosophie und Religion
  • Vernunft
  • Naturgesetz (der Vernunft)

Ich schaute in einer Erscheinung der Nacht – und siehe: drei Männer, die auf unterschiedlichen Wegen kamen, stellten sich vor mich hin. Ich fragte sie gleich nach der Art einer Vision, zu welchem Bekenntnis sie gehörten und warum sie zu mir gekommen seien. "Menschen sind wir", sagten sie, "die verschiedenen Glaubensrichtungen nachgehen. Zwar bekennen wir alle gleichermaßen, Verehrer eines einzigen Gottes zu sein, doch dienen wir ihm mit einem unterschiedlichen Leben und Glauben. Einer von uns, ein Heide, gehört zu denen, die man Philosophen nennt, und ist mit dem natürlichen Gesetz zufrieden. Die anderen zwei aber haben Schriften; von ihnen wird der eine Jude, der andere Christ genannt."


Übersetzer: Matthias Perkams