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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen II nr. 219-221

Original:

Peter Abaelard erklärt die Gutheit des göttlichen Handelns in der Freiheit, die er dem Teufel lässt
Sive autem in sanctos sive in impios dominus diabolum saevire permittat, constat profecto nec ipsum nisi bene permittere, quod bonum est permitti, nec illum nisi male facere, quod tamen bonum est fieri et, cur fiat, rationalem habet causam, licet nobis incognitam. [...] Non enim bonum esset ea permitti, nisi bonum esset ea fieri, nec perfecte bonus esset qui, cum posset, non disturbaret id quod fieri bonum non esset, immo patenter arguendus in eo quod non sit bonum fieri consentiendo ut fiat. [...] Unde ipsa etiam mala esse vel fieri bonum est, quamvis ipsa mala nequaquam sint bona.

Quelle: Peter Abaelard: Dialog zwischen einem Juden, einem Philosophen und einem Christen /Collationes II nr. 219-221.
Edition: Abelard’s Collationes. Edited and Translated by John Marenbon and Giovanni Orlandi, Oxford 2002.

Auslegung:

Dieser Text vom Ende von Abaelards Dialog (vgl. Zitat Nummer 686) stellt eine Reflexion darüber dar, wie man gutes und schlechtes Handeln beschreiben kann. Anlass ist die Frage, wie Gott gut sein und in jedem Fall gut handeln kann, obwohl in seiner Welt ja Schlechtes geschieht. Abaelard vertritt hierzu die These, dass Gott alles, was er tut oder zulässt, gut tut, während der Teufel alles, was er gut, schlecht tut. Wenn Gott also zulässt, dass der Teufel etwas tut, handelt er gut, während der Teufel schlecht handelt, wenn er diese Handlung ausführt. Diese Ansicht hat mit Abaelards These zu tun, dass die Handlung an sich, als äußerer Handlungsablauf betrachtet, indifferent ist und nur durch ihre Intention gut oder schlecht wird (vgl. Zitat Nummer 371). Insofern kann dieselbe Handlung vom Teufel schlecht getan und von Gott gut zugelassen werden. Eine Handlung ist für Abaelard dann „gut“, wenn es eine gute Ursache für sie gibt, die jemand kennt und aus der heraus er etwas „gut“ tut; die gute Intention erklärt sich also daraus, dass sie aus einem erkannten guten Grund folgt.
Der ganze Gedanke steht auch im Kontext von Abaelards Überlegungen zur Theodizee (vgl. Zitat Nummer 108): Abaelard betont, dass Gott unter allen Umständen gut handelt, selbst wenn er, aufgrund eines höheren Grundes, etwas Schlechtes zulässt. Andernfalls wäre er als schlecht anzuzeigen. Letzten Endes betont Abaelard damit, dass Gott eine möglichst gute Welt anstrebt, egal mit welchen Kräften er dies auch erreichen mag.

Themen:

  • Freiheit (Vorlesung)
  • Gott und die Welt
  • Gott
  • Göttlicher Wille
  • Gutes (das Gute)
  • Theodizee
  • Intention
  • Teufel
  • Ambivalenz (von Handlungen)

Egal, ob Gott dem Teufel gestattet, gegen die Heiligen oder gegen die Ungerechten zu wüten, es steht völlig außer Zweifel, dass er das, dessen Gestatten gut ist, nicht anders als gut gestattet, dass der Teufel aber nicht anders als schlecht dasjenige tut, dessen Getan-Werden trotzdem gut ist und eine vernünftige Ursache hat, warum es getan wird, auch wenn sie uns unbekannt ist. [...] Denn es wäre nicht gut, sie zu gestatten, wenn es nicht gut wäre, dass sie geschehen, und derjenige wäre nicht vollkommen gut, der das, dessen Geschehen nicht gut wäre, nicht verhinderte, obwohl er es könnte. Vielmehr wäre er eindeutig deswegen anzuklagen, weil er dem Geschehen von etwas zustimmte, dessen Geschehen nicht gut war. [...] Deswegen ist es auch gut, dass das Schlechte existiert oder geschieht, obwohl das Schlechte selbst keinesfalls gut ist.


Übersetzer: Matthias Perkams