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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Wilhelm von Conches: Dragmaticon philosophiae I 7, 2f. (p. 30 Ronca)

Original:

Wilhelm von Conches (ca. 1080-1155) über die Definition der Natur
[1] Omne opus vel est creatoris, vel naturae, vel artificis.
[2] Opus creatoris est elementorum et animarum ex nihilo creatio, mortuorum resuscitatio, partus virginis, et similia. [...]
[3] Ut ait Tullius, ,difficile est naturam definire‘, sed tamen, ut hic hoc nomen accipitur natura est vis quaedam rebus insita, similia de similibus operans. Opus igitur est naturae, quod homines nascuntur ex hominibus, asini ex asinis, sic de aliis;
[4] opus vero artificis est quod ab homine contra naturales indigentias componitur, ut vestis contra frigus, contra aeris intemperiem domus.

Quelle: Wilhelm von Conches: Dragmaticon philosophiae /Dragmaticon philosophiae I 7, 2f. (p. 30 Ronca).
Edition: Wilhelm von Conches, Dragmaticon philosophiae. Ed. I. Ronca (Corpus Christianorum. Continuation mediaevalis 152), Turnhout 1997.

Auslegung:

Wilhelm von Conches, ein wichtiger Vertreter der naturphilososophischen Tendenzen der so genannten Schule von Chartres (vgl. Zitat Nummer 95), trifft hier einige grundlegende Unterscheidungen. Das betrifft insbesondere die Unterscheidung zwischen Gott und seiner Schöpfung von der Natur und ihrem Wirken. Die göttliche Schöpfung, die er unter dem Begriff „Künstler“ umschreibt, ist demnach vor allem für die ursprüngliche Schöpfung aus dem Nichts sowie für „übernatürliche“ Phänomene (die bei Wilhelm noch nicht so heißen) wie die Jungfrauengeburt und die Auferstehung der Toten zuständig, während die eigentlichen Naturprozesse einer eigenen Wirkkraft, eben der Natur, zuzuschreiben sind. Deren Definition entnimmt Wilhelm Ciceros in der Spätantike verbreitetem rhetorischen Frühwerk De inventione.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist in [4] die Unterscheidung von Natur und dem Werk des menschlichen Künstlers, das wir heute als „Kultur“ zusammenfassen würden. Wie man sieht, geht es dabei vor allem um handwerkliche Leistungen zur Lebenserhaltung, und weniger um eine umfassende Kulturtheorie. Die starke Betonung der Figur des „Künstlers“ in diesem Text erklärt sich dadurch, dass sich Wilhelm am platonischen „Demiurgen“ orientiert, dessen lateinische Übersetzung eben artifex (Künstler, Handwerker) ist.

Themen:

  • Natur
  • Mittelalterliche Philosophie
  • Cicero
  • Demiurg
  • Gott
  • Kosmos
  • Physik/Naturphilosophie
  • Schöpfung
  • Schule von Chartres
  • Ursachen, Arten von
  • Natur und Kultur

[1] Jedes Werk stammt entweder vom Schöpfer oder von der Natur oder von einem Künstler.
[2] Das Werk des Schöpfers ist die Schöpfung der Elemente und Seelen aus dem Nichts, die Auferweckung der Toten, die Jungfrauengeburt und ähnliches. [...]
[3] Wie Cicero sagt, "ist es schwierig, die Natur zu definieren" [De inventione I 34], aber trotzdem ist die Natur, so wie dieser Begriff hier verstanden wird, eine gewisse Kraft, die Dingen innewohnt und an Ähnlichem Ähnliches bewirkt. Es ist also das Werk der Natur, dass Menschen von Menschen geboren werden und Esel von Eseln usw.
[4] Das Werk eines Künstlers aber ist das, was von einem Menschen gegen die natürlichen Mängel zusammengestellt wird, so wie Kleidung gegen die Kälte oder ein Haus gegen die Unausgewogenheit des Wetters.


Übersetzer: Matthias Perkams