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Philosophische Zitate aus Antike und Mittelalter

Wilhelm von Conches: Dragmaticon philosophiae I 6, 8 (p. 26 Ronca)

Original:

Wilhelm von Conches konturiert den Atomismus der Epikureer neu
In hoc vero quod dixerunt Epicurei, mundum constare ex athomis, vere dixerunt. Sed quod dixerunt illas athomos sine principio fuisse et divisas per magnum inane volitasse, deinde in quatuor magna corpora coactas fuisse, fabula est: non enim sine principio et loco aliquid praeter deum potest esse. Dicimus igitur has particulas deum simul creasse non divisas, sed in unius constitutione [...]. Qui enim dixit et facta sunt, partes et totum simul creare potuit.

Quelle: Wilhelm von Conches: Dragmaticon philosophiae /Dragmaticon philosophiae I 6, 8 (p. 26 Ronca).
Edition: Wilhelm von Conches, Dragmaticon philosophiae. Ed. I. Ronca (Corpus Christianorum. Continuation mediaevalis 152), Turnhout 1997.

Auslegung:

Dieser Text ist ein schönes Beispiel für den verbreiteten Atomismus in der mittelalterlichen Philosophie und für eine grundsätzlich positive, wenn auch nicht unkritische, Rezeption Epikurs unter christlichen Vorzeichen. Wilhelm von Conches aus der naturphilosophischen Bewegung des frühen 12. Jahrhunderts, die unter dem Namen „Schule von Chartres“ bekannt ist (Zitat Nummer 95), greift insbesondere den Gedanken auf, dass die geschaffene Welt aus kleinsten Teilen, eben den Atomen bestehe. Dies sieht er freilich nicht, wie die Epikureer, als eine rein innernatürliche Entwicklung an, die durch den Zusammenstoß von Atomen in Gang komme, die sonst parallel durch einen leeren Raum fielen (sog. „Bahnabweichung“, vgl. Zitat Nummer 191), sondern seiner Meinung nach entstehen die Atome durch den göttlichen Schöpfungsakt. Besonders scharf lehnt er die epikureische Theorie ab, die Atome bewegten sich in einem leeren Raum (Zitat Nummer 136). Denn das würde für Wilhelm bedeuten, dass sie keinen Ort und keine Zeit hätten, so dass ihnen Attribute zukämen, die sonst auf Gott beschränkt seien. Dies lehnt er ab und fasst die atomare Struktur stattdessen als gottgeschaffen auf.
Tatsächlich sind atomistische Theorien im lateinischen Mittelalter wie auch in jüdischen und besonders islamischen philosophischen Ansätzen verbreitet, weil sie geeignet scheinen, die Souveranität Gottes gegenüber der Naturkausalität herauszuarbeiten (vgl. Zitat Nummer 458). Die Lateiner konnten dabei besonders gut auf epikureische Theorien zurückgreifen, weil diese ihnen in den Berichten des Lukrez, Cicero und Augustinus besonders gut zugänglich waren.

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Mit der Behauptung, dass die Welt aus Atomen bestehe, haben die Epikureer die Wahrheit gesagt. Aber dass sie sagten, diese Atome seien ohne Anfang gewesen und dauernd geteilt durch eine große Leere geflogen und schließlich in vier große Körper gezwungen worden, ist ein Märchen: Denn ohne Anfang und Ort kann nichts außer Gott sein. Wir sagen also, dass Gott diese Teilchen zugleich ungeteilt erschaffen hat, sondern so, dass sie eines bilden. [...] Denn der, der "sagte, und es entstand", konnte die Teile und das Ganze zugleich schaffen.


Übersetzer: Matthias Perkams