Avicenna erklärt die Begriffe ,notwendig‘ und ,möglich‘
[1] Es ist für uns gewiss ebenfalls zu schwer, den Inhalt von ,notwendig‘, ,möglich‘ und ,unmöglich‘ durch eine die Wesenheit angebende Definition (taʿrīf muḥaqqiq) zu bestimmen, sondern das geht nur mittels eines Hinweises. Alles, was über die Definition von ihnen in dem gesagt wurde, was dich von den antiken Philosophen erreichte, endet quasi notwendigerweise in einem Zirkel. [...] Wenn sie ,möglich‘ definieren wollten, zogen sie entweder ,notwendig‘ oder ,unmöglich‘ zu seiner Definition heran [...], und wenn sie ,notwendig‘ definieren wollten, zogen sie zu seiner Definition entweder ,möglich‘ oder ,unmöglich‘ heran. [...]
[2] Aber das erste dieser drei, insofern davon zuerst ein Begriff gebildet wird, ist ,notwendig‘ (wāǧib). Das liegt daran, dass ,notwendig‘ die Festigkeit der Existenz bezeichnet, und die Existenz ist bekannter als die Nicht-Existenz, weil die Existenz in sich selbst erkannt wird, während die Nicht-Existenz irgendwie durch die Existenz erkannt wird.
Avicenna folgert, dass die Existenz als etwas Mögliches (d.h. Denkbares) ewig besteht
Was das Mögliche betrifft, so ist hieraus seine Besonderheit klar geworden, und zwar dass es unbedingt eines anderen bedarf, dass es zu einem im Akt existierenden macht. Alles, was im Hinblick auf die Existenz möglich (mumkin al-wuğūd) ist, das ist hinsichtlich seines Wesens ewig ein möglich Existierendes. Aber manchmal stößt es ihm zu, dass seine Existenz durch etwas anderes notwendig wird. Dies stößt ihm nun entweder ewig zu, oder die Notwendigkeit seiner Existenz stammt von einem anderen auf nicht ewige Weise, sondern zu einer Zeit, aber nicht zu einer anderen Zeit.
Albertus Magnus diskutiert das Verhältnis von Theologie und philosophischer Metaphysik in Bezug auf Gott
Hauptsächlich [...] wird Gott der Gegenstand der Ersten Philosophie genannt, weil es in ihrem Hauptteil um Gott geht und um die göttlichen Substanzen, die abgetrennt sind. [...] Auf eine zweite Weise wird unter den Wissenschaften dasjenige Gegenstand genannt, über welches und über dessen Teile Eigenschaften bewiesen werden. So wird das Seiende das Subjekt der Ersten Philosophie genannt, da ja eines und vieles, Möglichkeit und Wirklichkeit sowie notwendig seiend und möglich seiend vom Seienden bewiesen werden. [...] Hauptsächlich [...] ist Gott der Gegenstand der Theologie, und von ihm her wird sie benannt. Wenn aber ,Gegenstandʻ auf die zweite Weise verstanden wird [...], dann sind Christus und die Kirche der Gegenstand.
Albertus Magnus diskutiert die auf Avicenna zurückgehende These, die erste Ursache sei ein notwendiges Sein
[1] Das Erste ist auch allein ein Notwendig-Sein schlechthin und in jeder Hinsicht. […] Denn das Notwendig-Sein […] als eine Sache besteht darin, so ein Notwendig-Sein zu sein, dass folgt, ohne dass eine Voraussetzung gemacht würde, dass das Sein selbst unmöglich nicht sein kann.
[2] Ferner schließen sich das Notwendig-Sein und das Möglich-Sein in demselben Gegenstand aus. Denn was ein Möglich-Sein ist, von dem ist es auch in irgendeiner Weise möglich, nicht zu sein. […]
[3] Ferner weisen das Notwendig-Sein, das Möglich-Sein und das Kontingent-Sein untereinander eine Ordnung auf. Denn es wurde von uns in Metaphysik VI bewiesen, dass das, was häufig, und das, was selten ist, durch einen Mangel an dem verursacht werden, was immer ist. Aber immer zu sein heißt notwendig zu sein. […] Das Mögliche und das Kontingente werden also von dem verursacht, was immer ist.